Stolpersteine in Mecklenburg-Vorpommern

Stand: 20.06.2006

Ostseezeitung, 16.6.2006

Stolpersteine in Schwerin und Lübtheen
Schwerin (dpa) Zum Gedenken an jüdische Opfer des Nationalsozialismus werden heute in Schwerin und Lübtheen (Kreis Ludwigslust) mehrere so genannte Stolpersteine verlegt. Dazu wird auch Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) erwartet, dessen Mutter aus Lübtheen stammt. Er will Stolpersteine für vier Geschwister seines jüdischen Großvaters verlegen, die von den Nazis ermordet oder in den Tod getrieben wurden. Auch Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) wird in Lübtheen sein.

 

Ostseezeitung, 8.6.2006

Nazis ermordeten 100 Juden aus Rostock

Seit fünf Jahren organisiert der Verein der Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses das Anbringen von „Stolpersteinen“ vor den Häusern von jüdischen Opfern der NS-Diktatur. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, für alle bekannten Rostocker Juden, die im Holocaust ihr Leben ließen, einen solchen Stein anzubringen. Die Stolpersteine werden ausschließlich mit Spenden finanziert.

Im September 2005 übergossen Unbekannte die Steine von Paula Blach und des Zahnmediziners Hans Moral in der Friedrichstraße mit weißem Acryllack. Wolfgang Weiskirchen vom Max-Samuel-Haus erstattete Strafanzeige. Nach seinen Angaben ermittelte die Polizei einen Tatverdächtigen. Es wurde jedoch nie Anklage erhoben – offenbar weil nicht genügend Beweise vorlagen.  350 Mitglieder zählte die jüdische Gemeinde 1933 bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten. „Ungefähr 100 davon sind im Holocaust umgekommen“, sagt Weiskirchen. Einem Drittel gelang es zu emigrieren. Ein weiteres Drittel starb eines natürlichen Todes. „Das lag an der Altersstruktur“, erklärt der Vereinsvorsitzende. Zwölf Rostocker Juden überlebten in „privilegierten Mischehen“. Sie waren mit Nicht-Juden verheiratet. Das schützte sie vor der Deportation, so Weiskirchen, bedeutete aber zugleich viele Anfeindungen und Repressalien. Heute zählt die jüdische Gemeinde in Rostock 500 Mitglieder. Freitag in einer Woche wird am Schillerplatz ein weiterer Stolperstein eingeweiht. Der wird an Margarete Siegmann erinnern, Ehefrau von Richard Siegmann. Siegmann leitete die RSAG und gab wichtige Impulse für Rostocks Stadtentwicklung. Er verhungerte 1943 in Theresienstadt.

 

Ostseezeitung, 17.6.2006

Familie hinterließ viele Spuren

Margarete Salomon wurde am 7. Juni 1881 in Berlin geboren. Sie stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie Mecklenburgs. Ihrem Urgroßvater Moses Isaak Salomon, Bankier und Händler in Stavenhagen, setzte Fritz Reuter in „Ut mine Stromtid“ mit der Figur des „Juden Moses aus Stavenhagen“ ein literarisches Denkmal.  Siegmanns Tochter Melanie und der Sohn Hans konnten rechtzeitig aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrieren. Ihre Tochter Hedwig wurde 1944 im Konzentrationslager in Auschwitz vergast. Richard Siegmann hatte als Generaldirektor der Rostocker Straßenbahn AG entscheidend die Elektrifizierung vorangetrieben. 38 Jahre stand er dem Betrieb vor, engagierte sich nebenbei in vielen Ehrenämtern: unter anderem beim Tierschutzverein, bei der Singakademie des Theaters und im Tourismus-Verband. 1943 verhungerte er wie seine Frau in Theresienstadt.  Anlässlich seines 130. Geburtstages wurde bereits am 17. Juni 2002 an der Straßenbahnhaltestelle Neuer Markt ein Stolperstein zu seinem Andenken gesetzt. Der Stein für Margarete Siegmann ist der 16. Stolperstein in Rostock. Die Gedenktafeln werden ausschließlich von Spenden finanziert.

 

Ostseezeitung, 17.6.2006

Beust setzt „Stolpersteine“ in Heimatstadt seiner Mutter

Lübtheen (ddp) In den Gehweg eingelassene Gedenkplatten mahnen in immer mehr Städten des Landes an die Opfer der Nationalsozialisten. Gestern wurden in Lübtheen, Schwerin und Rostock 20 der so genannten Stolpersteine verlegt.  Dieser Tag sei keine Trauerfeier sondern eine Freude, sagte Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust (CDU) in Lübtheen, der Heimatstadt seiner Mutter. Er enthüllte vier Tafeln, die an die Geschwister seines Großvaters erinnerten. Meta, Franz, Gottfried und Willy Wolff waren von den Nazis in den Tod getrieben oder ermordet worden. Er freue sich, dass auf diese Art an seine Familienangehörigen gedacht werde, und warnte zugleich vor einem Erstarken der Neonazis.  Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) betonte, dass diese Aufklärungsarbeit wichtiger denn je sei. Es gebe immer wieder neue Versuche, Nazi-Verbrechen zu verharmlosen. Dem müsse man entschieden entgegentreten.  Fünf der Stolpersteine wurden in Lübtheen verlegt. In Schwerin wurden 14 Gedenkplatten enthüllt. In Rostock gibt es seit fünf Jahren „Stolpersteine“, die an jüdische Naziopfer erinnern. Gestern kam ein weiterer Stein für Margarete Siegmann hinzu.  Das vor zehn Jahren ins Leben gerufene Projekt hat bereits in 130 Städten Nachahmer gefunden. Bislang sind 7500 „Stolpersteine“ verlegt worden. Am Samstag werden zwei Gedenkplatten in Parchim verlegt.

 

Ostseezeitung, 17.6.2006

Hanseat mit mecklenburgischen Wurzeln

Carl Friedrich Arp Ole Freiherr von Beust wurde am 13. April 1955 in Hamburg geboren. Mit 18 Jahren ließ sich von Beust als „Ole“, wie ihn seine Großmutter nannte, in das standesamtliche Register eintragen.  1971 trat er in die CDU ein. Der Jurist wurde 1993 Vorsitzender der CDU-Bürgerschaftsfraktion. 2001 wählte ihn die Hamburger Bürgerschaft zum Ersten Bürgermeister.

Den Hamburgern gilt er oft als „der nette Ole“. Von Beust kennt sich gut aus: Fehlt anderswo im Westen mitunter das Verständnis für die ostdeutsche Geschichte, gehen ihm selbst Wortkonstrukte wie „Volkspolizeikreisdienststelle“ fließend über die Lippen.  Kein Wunder: Nach der Wende arbeitete er zweieinhalb Jahre als Rechtsanwalt in Wismar, Schwerin und Grevesmühlen. Er vertrat viele Menschen in Arbeitsrechtsstreitigkeiten. „Zum Beispiel Beschäftigte aus dem VEB Diamant Bekleidungswerk Grevesmühlen“, erinnert sich von Beust. „Dort wurden Obertrikotagen fürs Freundesland – sprich: synthetische Oberhemden für die SU – produziert. Plötzlich gab es keine Aufträge mehr.“  Die Verbundenheit mit Mecklenburg drückt von Beust auch so aus: „Ich liebe die Landschaft. Gerade jetzt, wenn sich im Klützer Winkel das Gelb der Rapsfelder mit dem Blau des Meeres vermischt.“ Die Beziehung ist tief: „Meine Mutter stammt aus Lübtheen“, erklärt er. „Meine Großeltern hatten dort ein Lebensmittelgeschäft.“  Sein Großvater war Jude. Obwohl er damals schon verstorben war, wurde das Geschäft 1933 von den Nazis enteignet. Die Großmutter bekam es 1945 zurück. Als es der Handelsorganisation (HO) zugesprochen wurde, durfte sie bis 1970 Chefin der Verkaufsstelle bleiben. „Wie damals üblich, musste sie aber der SED beitreten“, erzählt von Beust. „Wir haben sie oft in der DDR besucht.“  Zur persönlichen Verbindung nach Mecklenburg gehöre auch eine Tante. Heute in den USA lebend, zitiere die 90-Jährige bei Familienfeiern perfekt aus Rudolf Tarnows „Köster Klickermann“.  Zum Gedenken an seine jüdischen Vorfahren wird von Beust am 16. Juni in Lübtheen fünf „Stolpersteine“ verlegen. Die Aktion erinnert mit kleinen Pflastersteinen an Opfer des Nationalsozialismus; bisher wurden 7500 Stolpersteine in 130 Städten, darunter auch Rostock, verlegt.  Neben dem „netten Ole“, gibt es aber auch den „starken Mann“. Der klare Bruch mit Ex-Innensenator Ronald Schill, der ihn wegen seiner Homosexualität 2003 erpressen wollte und die Auflösung der Koalition mit Schill-Partei und FDP rechneten ihm viele Hamburger als Zeichen für Courage und Gradlinigkeit an. Anschließend erreichte die CDU 2004 mit 47,4 Prozent erstmals die absolute Mehrheit in Hamburg.  K.W.

 

Ostseezeitung,15.4.2006

Spaziergang zu den Stolpersteinen
Sassnitz Zu einem Osterspaziergang lädt das Rügener Friedensbündnis am Montag nach Sassnitz ein. Treffpunkt ist um 9.30 Uhr das Grundtvighaus an der Seestraße. Wissensvermittlung und Gespräche auf den Spuren der Geschichte und des Wandels stehen dabei im Mittelpunkt. Thematisch geht es dieses Mal vor allem um die Spuren, die Verfolgte des Faschismus in der Stadt hinterlassen haben. Der Weg führt zu Orten, an denen mit kleinen Tafeln des Gedenkens, auch Stolpersteine genannt, an jene Menschen erinnert werden sollte, die in den Jahren zwischen 1933 und 1945 Opfer von Gewalt wurden. Einige haben Widerstand geleistet, andere haben mit ihren Kindern demonstriert, um zu erwirken, dass die Stadt kampflos übergeben wird.

 

Ostseezeitung, 4.5.2006

Stolperstein für Irma Borchardt
Stadtmitte Das Max-Samuel-Haus enthüllt am Sonntag um 11 Uhr in der Eschenstraße 8 einen weiteren „Stolperstein“. Er ist für die von den Nationalsozialisten ermordete Irma Borchardt.

 

Ostseezeitung, 17.6.2006

Stein erinnert an große Frau
1943 verhungerte die Jüdin Margarete Siegmann im Konzentrationslager Theresienstadt. Jetzt erinnert ein Stolperstein an die engagierte Frau des Straßenbahndirektors Richard Siegmann an ihr Leben in der Hansestadt.

Steintor-Vorstadt Die Erinnerung an Margerete Siegmann hat jetzt wieder ihren Platz vor der großbürgerlichen Villa am Schillerplatz 3, in der die Jüdin mehr als dreißig Jahre ihres Lebens verbrachte, bevor sie vor den Nationalsozialisten aus der Stadt floh. Gestern weihte der Verein der Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses einen Stolperstein aus Granit für Margarete Siegmann ein.

Vor heute rund 100 Jahren heiratete die gebürtige Berlinerin den Generaldirektor der Rostocker Straßenbahn AG, Richard Siegmann, und zog zu ihm nach Rostock. Die Elite der Hansestadt ging in ihrem Haus am Schillerplatz ein und aus; mit der Konsulsgattin von schräg gegenüber konkurrierte Margarete Siegmann alljährlich leidenschaftlich darum, wer den schönsten Hausball organisierte. Während sich der Straßenbahn-Chef neben der Arbeit in unzähligen Vereinen ehrenamtlich engagierte, kümmerte sich seine Frau um die drei Kinder Melanie, Hedwig und Hans.

Bis die Lebenswirklichkeit der Familie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 innerhalb weniger Wochen zusammenbrach. „Es muss ungeheuer schrecklich für sie gewesen sein, dass die Nachbarn die Jüdin Siegmann plötzlich nicht mehr kannten“, sagt Frank Schröder vom Max-Samuel-Haus. Richard Siegmann verlor alle Ehrenämter und zwei Jahre später seine Arbeit. 1936 flüchtete sich das Ehepaar in die Anonymität der Großstadt Berlin.

Auf Knien habe sie ihre Eltern Anfang 1939 angefleht, mit ihr nach Shanghai auszuwandern, erzählte die älteste Tochter Melanie Jahrzehnte später bei einem Rostockbesuch. Doch Richard Siegmann konnte sich nicht von seiner Heimat trennen. „Das hier ist das Land der Dichter und Denker, uns wird nichts passieren“, erklärte er der Tochter.

Mit einem Viehwagen wurden die Siegmanns 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Eingepfercht in einem kleinen Zimmerchen mit 30 anderen Leuten, ohne medizinische Versorgung, verhungerte die 62-jährige Margarete Siegmann nach wenigen Wochen. Ihrer Tochter Melanie blieb von der Mutter nicht mal ein Foto.

Trotzdem kehrte Melanie Litten, die in den USA eine neue Heimat fand, 1987 zu einem Besuch in ihre Geburtsstadt zurück. Frank Schröder kann sich noch gut an seine erste Begegnung mit der quirligen, älteren Dame erinnern. Mit grasgrünem Hut, gelber Hose und knallrotem Jäckchen sei Melanie Litten aus dem Zug geklettert. Er habe lange mit ihr über die Familiengeschichte gesprochen und „viel gelernt, was man nicht aus Geschichtsbüchern lernt“. Zum Beispiel, wie sehr Margarete Siegmann unter dem gesellschaftlichen Abstieg gelitten hat, „dass sie das Gefühl des Ausgestoßenseins nicht verkraften konnte“.

Auch Jochen Bruhn, kaufmännischer Vorstand der Rostocker Straßenbahn AG, konnte mit Melanie Litten ein Stück Geschichte aufarbeiten. Bei einem weiteren Besuch in der Hansestadt setzte sich die fast 90-jährige Amerikanerin zu ihm auf eine klapprige Holzbank in einer historischen Straßenbahn. „Sie war so voller Power“, erzählt Bruhn. Drei Stunden seien sie durch die Stadt gefahren. Für Melanie Litten war es auch eine Reise in ihre Vergangenheit. Als Kind durfte sie oft bei ihrem Vater im Büro der Straßenbahn AG in der Fahnenstraße spielen.

Einmal dorthin zurückzukehren, einen Blick in die Firma zu werfen, „war etwas, was sie unbedingt noch gewollt hat“, sagt Bruhn. Nur acht Wochen später verstarb Melanie Litten in den USA. Das Ehepaar Bruhn stiftete den Stolperstein für ihre Mutter, der das Andenken der Siegmanns in Rostock wachhalten soll. ANNE SCHEMANN

 

Ostseezeitung, 11.5.2006

„Stolpersteine“ zum Gedenken an Verfolgte

Stralsund Mit dem Projekt „Stolpersteine“ zum Gedenken an Stralsunder Juden und andere Verfolgte, die vom Nazi-Regime deportiert und umgebracht wurden, beschäftigte sich der Kulturausschuss am Dienstagabend. Parteiübergreifend sprachen sich die Mitglieder für das Vorhaben aus. „Wir sollten uns dazu bekennen, dass wir die Rechten nicht im Landtag haben wollen und setzen auch damit ein Zeichen“, betonte Ute Bartel (SPD).  Ähnlich wie in Vorbereitung auf den Gedenktag zum Bombenangriff auf die Hansestadt im Oktober 1944 sollen Schulen, Vereine und Verbände in die Recherche eingebunden werden. Stadtarchivdirektor Hans-Joachim Hacker informierte, dass es drei Listen mit den Namen derer gibt, die dem Nazi-Regime zum Opfer fielen. „Das ist eine Art Geschichtsaufbereitung, die jedoch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben darf“, sagte Ute Nitz (CDU), die das Projekt ins Rollen brachte. Ende August soll in einem Vortrag informiert werden, wie das Vorhaben in anderen Städten realisiert wurde.  Eine Arbeitsgruppe wird sich mit der Ausarbeitung eines Konzeptes beschäftigen. Auf der nächsten Bürgerschaftssitzung soll die tiefbauamtliche Genehmigung beantragt werden, damit die Steine verlegt werden können. N. B.

 

Ostseezeitung, 8.6.2006

Stein erinnert an ein kurzes Leben

Bernhard Blach starb mit 16 Jahren in Auschwitz. Ein Stolperstein vor seinem Wohnhaus weist auf sein Schicksal hin.

Kröpeliner-Tor-Vorstadt Seit gestern erinnert ein Granitstein im Gehweg vor dem Haus Nummer 16 im Patriotischen Weg an das kurze Leben des Rostockers Bernhard Blach. Der Junge lebte hier von seiner Geburt an 16 Jahre lang mit seiner Mutter. Bis zum 10. Juli 1942: Im Morgengrauen wurden Paula und Bernhard Blach von Polizisten zum Hauptbahnhof gebracht und mit 22 weiteren Rostocker Juden nach Ludwigslust deportiert. Am nächsten Tag ging es weiter nach Auschwitz. Mutter und Sohn wurden sofort nach der Ankunft an der Rampe von Birkenau „selektiert“ und starben in der Gaskammer. „Wir wissen nicht viel über Bernhard Blach“, sagte Christine Lucyga bei einer kleineren Zeremonie zur Einweihung des mittlerweile 15. Stolpersteins, mit denen vor ihren ehemaligen Wohnhäusern an Rostocker Juden erinnert wird, die im Holocaust umkamen. Über Paula Blach ist einiges bekannt. An sie erinnert bereits ein Stolperstein vor ihrem ehemaligen Wohnhaus. Paula Blach musste nach dem Tod ihres Mannes drei Kinder und ihr Uhrmachergeschäft in der Doberaner Straße 1a allein durchbringen. Bei den Übergriffen gegen Juden am 9. November 1938 wurde das Geschäft so stark demoliert, dass Paula Blach es aufgeben musste.  Der Familie gehörte das Wohnhaus im Patriotischen Weg. Hier nahmen sie andere Juden auf, denen von ihren Vermietern die Wohnung gekündigt worden war. Direkt gegenüber war das Haus der Rostocker NSDAP-Parteizentrale. Bernhards Bruder Herbert ging 1936 nach Italien, seine Schwester Marga gelang 1938 die Flucht nach Palästina. Sie lebt heute in Israel. Edith und Gerhard Soslowski waren aus Berlin zur Einweihung des Stolpersteins gekommen. „Herbert hat wenig über seine Mutter und seinen Bruder erzählt“, sagt Gerhard Soslowski (74), „wenn man so etwas erlebt hat, ist das normal.“ Der Berliner war mit Herbert Blach befreundet, bis zu dessen Tod vor vier Jahren.  GERALD KLEINE WÖRDEMANN

 

Ostseezeitung, 8.6.2006

Schwangere Jüdin bekam Gedenkstein
In der Eschenstraße 8 erinnert seit gestern ein Stolperstein an das Schicksal von Irma Borchardt. 1942 wurde sie hochschwanger von den Nationalsozialisten nach Auschwitz deportiert und sofort vergast.

Rostock-Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Still waren sie geworden, schauten einander betroffen an, bei einigen flossen Tränen. Als die knapp 15 Rostocker Jungsozialisten (Jusos) gestern den Stolperstein von Irma Borchardt enthüllten, waren sie tief bewegt.  Seit fünf Jahren gibt es das Projekt „Stolpersteine gegen das Vergessen“ in Rostock, 13 wurden bereits in Bürgersteige der Stadt eingelassen. Irma Borchardts Stein vor dem Haus in der Eschenstraße 8 ist Stein Nummer 14. An Menschen erinnern, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, will das Max-Samuel-Haus mit dieser Aktion. Das Schicksal von 80 Rostockern ist bekannt – diesen Menschen wird vor ihrer Wohn- oder Wirkungsstätte ein Gedenkstein gelegt. „Wir wollen nicht nur an herausragende Persönlichkeiten erinnern, in der Masse hat es ja Leute wie Irma Borchardt getroffen“, sagte Frank Schröder vom Max-Samuel-Haus. Die Jüdin Irma Borchardt wurde 1903 als Irma Salomon geboren. Der Vater verstarb früh, die Mutter war Verkäuferin. In diesem Beruf arbeitete auch Irma bis zu ihrer Entlassung 1933. Eine neue Arbeitsstelle fand sie in den EMSA-Werken von Max Samuel, wo sie orthopädische Schuhwaren fertigte. 1939 dann die Hochzeit mit dem ehemaligen Handelsvertreter Bernhard Borchardt. Die Familie lebte bei Irmas Mutter Johanna in der Eschenstraße 8. Im Sommer 1942 erwarteten Bernhard und Irma ihr erstes Kind. Die Geburt konnten sie nicht mehr erleben – am 10. Juli 1942 wurde die Familie nach Auschwitz deportiert und sofort vergast. „Bis 1933 führte Irma Borchardt ein ganz normales, durchschnittliches Leben, ab 1933 war sie Außenseiterin“, berichtete Frank Schröder.  Durch eine Spende der Rostocker Jusos, die auch mit ihrem Programm „Endstation Rechts“ über die ideologischen Hintergründe der NPD aufklären, konnte der Stein hergestellt werden. Christian Reinke war erschüttert: „Dass Irma Borchardt hochschwanger deportiert und vergast wurde, zeigt das Menschenverachtende dieser Ideologie.“ AKS

 

Ostseezeitung, 9.5.2006

Ausschuss berät über Ehrungen
Sassnitz Die Mitglieder des Ausschusses für Schule, Kultur, Sport und Soziales der Sassnitzer Stadtvertretung kommen heute zu ihrer nächsten öffentlichen Sitzung zusammen. Mit der wird um 18 Uhr in der Grundschule „Ostseeblick“ an der Hiddenseer Straße begonnen. Zur Debatte steht an diesem Abend eine Beschlussvorlage zum Thema Ehrungen. Dabei geht es konkret darum, in welcher Art und Weise Bürger künftig in der Hafenstadt geehrt werden sollen und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Bislang stehen drei Varianten zur Debatte – Stolperstein, Ernennung zum Ehrenbürger, Ehrentafel für Gruppen. Die Sassnitzer werden während der Sitzung auch zu Wort kommen. Sie können während der Fragestunde ihre Probleme und Hinweise vortragen.

 

Ostseezeitung, 20.6.2006

Neuer Name für Tiefgarage Stadtmauer?

Stralsund Die Bürgerschaft trifft sich am Donnerstag um 16 Uhr im Rathaus zu ihrer letzten Sitzung vor der Sommerpause. Auf der Tagesordnung steht unter anderem die Wahl der 1. Stellvertreterin des Bürgerschaftspräsidenten. Dafür schlägt die PDS Christina Winkel (OZ berichtete) vor.

CDU-Fraktionsmitglied Ute Nitz hat für den Kulturausschuss den Antrag eingereicht, Stolpersteine in der Hansestadt zu verlegen, die an die Opfer des NS-Regimes erinnern. Die namentlich gekennzeichneten Steine sollen ein konkretes Zeichen sein gegen das Vergessen.

Eine Namensumbenennung für die im vergangenen Jahr eröffnete Tiefgarage Stadtmauer schlägt die Fraktion Bürger für Stralsund/FDP vor. Sie favorisiert „Parkhaus Am Meeresmuseum“. Dadurch könnten Verkehrsströme in der Innenstadt künftig besser gelenkt werden, und es würde einen zusätzlichen Wegweiser zum Meeresmuseum geben, heißt es in der Begründung.

 

Ostseezeitung, 18.4.2006

Stolpern über die Geschichte in Sassnitz

Als Erinnerung an die Opfer des Faschismus sind Stolpersteine in Sassnitz geplant.
30 Osterspaziergänger beschritten gestern mögliche Orte.

Sassnitz Es ist nicht einfach, ohne über lose Platten zu stolpern, durch eine der jüngsten Städte Deutschlands zu gehen. Doch der Gruppe Friedensbündnis um Pastorin Thurid Pörksen und Politikerin Karin Breitenfeld genügt das nicht.  Sie wollen, dass Passanten geschichtlich ins Stolpern geraten. Über die Steine vom Künstler Gunter Demnig, der mit seiner Aktion schon über 7000 solcher Kleinstdenkmale mit Namen in 126 deutschen Städten realisiert hat. „Sie sollen an einen bestimmten Zeitraum erinnern, ohne anderes auszuschließen“, erläutert Karin Breitenfeld wohl wissend, dass in Sassnitz das Bessere ein Feind des Guten ist. Denn die Mehrheit im Parlament möchte auch die Opfer der DDR-Zeit auf das Vorhaben „draufsatteln“, war am Rande des Osterspazierganges zu erfahren.  Dabei sollte gestern einfach informiert werden, was es auf sich hat mit diesen Plätzen und Häusern, die an meist verstorbene, oder schlimmer: deportierte oder ermordete Menschen erinnern. Den Anfang machte die Gruppe mit dem Haus von Charlotte Schimmelpfennig am Platz der Villa Aegir, verbunden mit dem Namen Lazar Lemo. Beide wurden – der eine wegen Konfession und die andere wegen des Eintretens gegen Unrecht – 1938 durch die Sassnitzer Straßen getrieben.

Im Hafen soll die Erinnerung an die Schwimmdocks mit Häftlingen und den Todesmarsch von Stutthof nach Sassnitz wach gehalten werden. Über die Hafenpromenade zum Haus vor dem Hotel am Meer in der Bachpromenade. Dort war kurze Zeit die Stadtkommandantur. Und dort auch verlangten 200 Frauen, darunter wieder Charlotte Schimmelpfennig, die kampflose Übergabe der Stadt. Weiter geht es mit der Begehung: Hoch zur Bergstraße 18, wo Polizeimeister und SS-Mann Otto Kuckuck wohnte, der das Kind Emilie Frey aus Lidice bei sich „zwangsgermanisierte“. Schon bekannter ist das Lager im Wedding, in dem als so genannte Bibelforscher Zeugen Jehovas zum Algensammeln untergebracht waren.  Weiter: Vorbei am Haus Bergstraße 6, das Annemarie Witschekowski bewohnte, ein Euthanasieopfer, in Ueckermünde an angeblichem Herzversagen gestorben. Hermann Bebert gibt der nächsten Straße seinen Namen. Sein Verbrechen: Laut hatte er gesagt, der Krieg sei vorbei. Otto Kuckuck hat zu den Tätern im nahen Wald gehört, die den Kommunisten erschossen.  Die Finanzierung von einer großen Anzahl von Stolpersteinen sei schon zugesagt, weiß Karin Breitenfeld. Nur drei wären noch offen und dafür würden sich wohl auch Spender finden lassen. Nur die Stadt, die müsste sich nun entscheiden. Die rund 30 Spaziergänger hatten keine Entscheidungsprobleme. ANDREAS KÜSTERMANN

 

Ostseezeitung, 17.6.2006

Familie hinterließ viele Spuren

Margarete Salomon wurde am 7. Juni 1881 in Berlin geboren. Sie stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie Mecklenburgs. Ihrem Urgroßvater Moses Isaak Salomon, Bankier und Händler in Stavenhagen, setzte Fritz Reuter in „Ut mine Stromtid“ mit der Figur des „Juden Moses aus Stavenhagen“ ein literarisches Denkmal.

Siegmanns Tochter Melanie und der Sohn Hans konnten rechtzeitig aus dem nationalsozialistischen Deutschland emigrieren. Ihre Tochter Hedwig wurde 1944 im Konzentrationslager in Auschwitz vergast.

Richard Siegmann hatte als Generaldirektor der Rostocker Straßenbahn AG entscheidend die Elektrifizierung vorangetrieben. 38 Jahre stand er dem Betrieb vor, engagierte sich nebenbei in vielen Ehrenämtern: unter anderem beim Tierschutzverein, bei der Singakademie des Theaters und im Tourismus-Verband. 1943 verhungerte er wie seine Frau in Theresienstadt.

Anlässlich seines 130. Geburtstages wurde bereits am 17. Juni 2002 an der Straßenbahnhaltestelle Neuer Markt ein Stolperstein zu seinem Andenken gesetzt. Der Stein für Margarete Siegmann ist der 16. Stolperstein in Rostock. Die Gedenktafeln werden ausschließlich von Spenden finanziert.

 

Schweriner Volkszeitung, 20.6.2006

Stolpersteine gegen das Vergessen

Messingtafeln erinnern an fünf Naziopfer / Ole von Beust setzte Steine in Breitscheidstraße

Lübtheen Die Stadt im Fokus der Medien: Wo kürzlich die NPD Wahlkampf betrieb, wurden fünf Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus eingeweiht. Vor den Kameras und Mikros vieler Journalisten setzten Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust und Ministerpräsident Harald Ringstorff die Messingtafeln gegen das Vergessen ins Straßenpflaster. "Er war ein feiner Arzt", sagt Ilse Bier. Die Lübteenerin wohnte direkt gegenüber von Dr. Bernhard Aronsohn. Der Arzt nahm sie als Kind oft mit, wenn er über Land zu Hausbesuchen fuhr, brachte den Kindern in der Straße Weihnachtsgeschenke und behandelte die Armen, ohne Geld dafür zu verlangen. "Alle haben große Stücke auf ihn gehalten", erinnert Nachbarin Rosemarie Reu. Ihr hat Aronsohn vor 69 Jahren auf die Welt geholfen. "Die Hebamme konnte nicht, da war er zur Stelle." Die beiden alten Damen sitzen in der Stellingstraße, blicken hinüber zur Hausnummer 15, wo sich hunderte Gäste und Journalisten um den Hauseingang drängen und auf Ministerpräsident Harald Ringstorff und Ole von Beust warten. Neben der Haustür erinnert bereits eine Gedenktafel an Dr. Aronsohn. "Er wurde Opfer der faschistischen Rassengesetze" ist darin eingraviert. 1939 hatten die Nazis den Arzt in Schutzhaft genommen, 1942 wurde Aronsohn im KZ Auschwitz ermordet.

Die Erinnerungen wach halten

Der golden glänzende Stolperstein direkt vor seiner Haustür soll dafür sorgen, "dass der Abstand zu der dunklen Zeit nicht so groß wird", sagt Bürgermeisterin Ute Lindenau. Harald Ringstorff warnt davor, die rechtsextremen Aktivitäten zu unterschätzen. "Es ist wichtig, dass die Menschen in MV wählen und ihre Stimme einer demokratischen Partei geben." In der benachbarten Breitscheidstraße setzte Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust eine halbe Stunde später gemeinsam mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig vier weitere Stolpersteine für Naziopfer seiner Familie. Ole von Beusts Mutter Hanna Wolff ist in dem Haus aufgewachsen, Beust war in seiner Kindheit oft hier, kann sich gut daran erinnern, wie er in den Wäldern und in der Kiesgrube gespielt hat. "Das ist hier keine Trauerfeier", sagt er. "Sondern ein Grund zum Feiern. Wir gedenken hier fröhlichen Menschen." Landrat Rolf Christiansen betonte, wie wichtig es ist, dass die Stolpersteine in Lübtheen sind. "Wir lassen nicht zu, dass ortsansässige NPD-Politiker an die Rassenideologie der Nazis anknüpfen", sagte er und forderte alle auf: "Zeigt Flagge, achtet auf die Stolpersteine! Katharina Hennes