Ein weiteres Foto von KalayZur Vergrößerung anklicken

Damit sind es jetzt elf. Seit 2001 bekommt Helga Radau jedes Jahr ein Bild von dem hübschen jungen Mädchen mit Grüßen zu Weihnachten und zum Neuen Jahr geschickt. Absender ist Kalays Mutter, Judy Goldman Pillinger. Ganz zu Beginn, bevor die ersten Bilder Helga Radau erreichten, hatte Judy sie gefragt, warum sie den Kontakt zu ihr suche. „Ich sagte ihr, dass ich mich für die Erlebnisse ihrer Mutter im KZ Barth sehr interessiere. Magda Lefkovitz Goldmann war als 13-jähriges Mädchen mit ihrer älteren Schwester ins KZ Barth gekommen. Da sie älter aussah, machte sie sich auch älter, was wohl dazu beitrug, dass sie überlebte“, sagt Helga Radau. Die Gründe, die sie ihr erklärte, konnte Judy verstehen und so machte sie ein Interview mit ihrer Mutter über deren Erlebnissen im KZ Barth und schickte es Helga Radau für die zur Vergrößerung anklickenDokumentations- und Begegnungsstätte Barth. Ein Zeitdokument, das das Geschehen und Grauen vor Ort belegt.

Der Kontakt mit Judy Goldman Pillinger kam über das Holocaust Memorial Museum zustande. Im Zuge von Recherchen hatte Helga Radau das Museum gebeten, Kontakt zu ehemaligen jüdischen KZ-Häftlingen des KZ-Außenlagers Barth herzustellen. Als die Historikerin Natalija Jeske dann für ihr Buch „Das KZ-Außenlager Barth“ Material sammelte, brachte Helga Radau sie mit Judy Goldman Pillinger zusammen. „Ich freue mich sehr an den Bildern von Kalay. Elf sind es jetzt. Ich kann also mitverfolgen, wie sie heranwächst und zur jungen Frau wird. Ich hoffe, sie und ihre Eltern kommen irgendwann einmal nach Barth“, sagt Helga Radau.zur Vergrößerung anklicken

Der Brief von Judy und Kalay ist einer von vielen, die jedes Jahr zu Weihnachten und zum Neuen Jahr Helga Radau aus aller Welt erreichen. So wie die von Joe und Shirley Reuss, Paul und Helen Canin, Sarah Carrol und Janet Bennett Hillebrand, die im Nachlass ihres Vaters Gedichte über Stalag und Barth fand und sie ihr schickte. Und Ignacy Golik schreibt: „Wir leben noch und deswegen wün­schen wir Euch ein frohes Fest.“ Darunter auch ein Brief von Prof. Reutmeister, die Nichte von Robert und Willi Reutmeister, zwei ehemalige KZ-Häftlinge. Mit dem Flugzeug kam die Hobbypilotin im letzten Jahr nach Barth und landete nur wenige 100 Meter entfernt von der Stelle, wo ihre Verwandten unmenschlich hart hatten arbeiten müssen. Die beiden Frauen trafen sich am Mahnmal. „Es kommen zunehmend die jüngeren Verwandten von ehemaligen Häftlingen und Kriegsgefangenen nach Barth. Sie sind auf Spurensuche und wollen sehen, wo ihre Väter, Mütter, Großeltern, Onkel und Tanten einst waren. Das Geschehen von einst spielt in den Familien eine große Rolle“, erklärt Helga Radau. Wobei Tatsache ist, dass die Betroffenen selbst mittlerweile ein hohes Alter erreicht haben und viele gesundheitlich nicht mehr in der Lage sind zu kommen, oder bereits tot sind. Und so wer­den auch die Briefe jedes Weihnachten weniger. „Ich bin sehr traurig darüber. Was mich aber rührt, ist, dass ihre Witwen und Kinder mir dann schreiben“, sagt Helga Radau. So schrieb ihr jetzt die Witwe von Stanley Croft, dass er verstorben sei. Auch Blumen über Fleurop waren dabei. Stanley Croft war 1996 zur Einweihung des Gedenksteins auf dem Stalag-Gelände in Barth gewesen.

Seit einigen Jahren kommen nun verstärkt die Kinder und Enkel. Und so ist es für Helga Radau normal geworden, dass sie, oft auch spät abends, Anrufe von Hotels bekommt, die amerikanische oder englische Gästen beherbergen, die gern die Ausstellung, Stalag und das Mahnmal sehen möchten. Den letzten ihrer spätabendlichen amerikanischen Telefonpartner hat sie mit Candy Brown in Verbindung gebracht. „Er wusste nur, dass sein Vater im Stalag in Barth war, mehr nicht. In den USA gibt es eine Auflistung der Vermisstenmeldungen. Candy konnte ihm da weiter helfen. Er schrieb mir später, dass sie ihm helfen konnte und wie glücklich er darüber sei“, so Helga Radau. Als Candy Brown zum ersten Mal nach Barth kam, ihr Vater war auch Kriegsgefangener, sie schrieb über ihn ein Buch, wollte sie unbedingt zu Fuß vom Bahnhof zum Stalag raus gehen, um es nachzuempfinden. Es regnete an dem Tag in Strömen.

Für eigene Recherchen ist Helga Radau neben vielen anderen auch Annalisa Krüger und Heinz Gülzow sehr dankbar. Letzterer half ihr, vielfältig Kontakte zu knüpfen, und schickte selbst viele Dokumente in Kopie. Er wohnt in Neuß. Auch viele ältere Barther helfen der DOK und berichten, was sie erlebt haben.

Text und Fotos: Claudia Haiplick