Britische Biker am Stalag I

Sein letzter Brief, den mein Vater schrieb, bevor er durch den Tunnel ging, ist für mich ein sehr besonderer. Mit dem Wissen von heute, was er damals nur wenige Stunden später vor hatte und was passieren würde“, so Colin Kirby Green.Zur Vergrößerung anklicken

Sein Vater, Thomas Kirby Green, gehörte zu den 87 alliierten Kriegsgefangenen im Stalag Luft III in Sagan, polnisch Żagań, die in der Nacht vom 24. März auf den 25. März 1944 durch einen Tunnel flohen. Tatsächlich gelang nur 76 von ihnen die Flucht. Elf waren bereits im angrenzenden Wald gestellt worden. Von den entflohenen Kriegsgefangenen wurden alle bis auf drei wieder gefasst. 50 der Gefassten wurden von einem Erschießungskommando erschossen. Unter ihnen auch Thomas Kirby Green.

Drei Monate ist es jetzt her, dass Colin Kirby Green herausfand, wo genau sein Vater und dessen Freunde erschossen worden waren. In der heutigen Tschechoslowakei in der Nähe des Ortes Hrabuvka. „Nahezu allen wurde in den Rücken geschossen. Man sagte ihnen, sie könnten sich ein bisschen die Beine vertreten. Ich denke, sie glaubten, dass es zurück ins Stalag Luft III gehe“, meint er. Den letzten Brief seines Vaters, Colin Kirby Green, der selbst damals acht Jahre alt war, hat ihn mit nach Barth gebracht.

Zusammen mit drei weiteren und alten Fotos seines Vaters. Thomas Kirby Green war zunächst im Stalag Luft I in Barth Kriegsgefangener gewesen, bevor er nach Żagań verlegt wurde. Gemeinsam mit Freunden hat sich der Sohn jetzt auf die Spuren des Vaters und des Films »Gesprengte Ketten« begeben, der die Flucht der 76 Kriegsgefangenen zum Inhalt hat. Unter anderem spielen dort Steve Mc Queen und Donald Pleasence mit.

Auf Motorrädern sind die 14 Biker unterwegs. Mit dabei zwei Begleitautos. Am 1. Juni sind sie in Biggen Hill am RAF War Memorial bei London gestartet. Weiter ging es unter anderem über das »Battle of Britain Memorial« in Capel le Ferne nach Dünkirchen und Arnheim sowie über Bergen-Belsen nach Barth.

Mit dabei ein Nachbau des Motorrades, mit welchem Steve Mc Queen im Film versuchte, seinen Verfolgern in Richtung Schweizergrenze zu entkommen und über den Grenzzaun zu springen.

Wir alle haben sehr gute Gründe auf dieser Tour und hier in Barth zu sein“, sagt Peter Spowage. Zum einen geht es ihnen um die Ehrung und die Erinnerung an die alliierten Soldaten und Kriegsgefangenen, die im 2. Weltkrieg gegen den Faschismus kämpften und zum Teil starben.

Zum anderen sammeln die Biker Geld für die »Royal British League«, eine britische Hilfsorganisation, die sich um junge Männer und Frauen kümmert, die aus Einsätzen, beispielsweise in Afghanistan, nach Englang zurückkehren. Bereits 15.000 Euro sind durch die Tour zusammengekommen. „Insofern für uns eine emotional sehr bewegende Reise. Wobei durch die Motorräder auch der Spaß nicht zu kurz kommt. Alles zusammen, eine tolle Mischung. Zumal wir bisher überall nette Leute getroffen haben, wie die Motorracer von Barth“, meint Peter Spowage.

In Barth besuchten die Biker um Colin Kirby Green die Ausstellung »12 von 750 – Barth im Nationalsozialismus 1933 - 1945« der Dokumentations- und Begegnungsstätte. Helga Radau von der DOK schilderten ihnen unter anderem, dass Schicksal der jüdischen Barther Bürger, der KZ-Häftlinge und der Zwangsarbeiter auf dem Flugplatz. Am Modell erklärte sie das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft I und sprach über Fluchtversuche in Barth. „Das Lager ist bewusst in der Nähe der Stadt und, entgegen der Genfer Konvention, der dort befindlichen militärischen Anlagen gebaut worden, um diese vor Bombardierungen zu schützen“, sagt sie. Nach dem Besuch der DOK-Stätte fuhr man gemeinsam zum Stalaggelände.

Mit dabei auch Bob Ankerson. Er hat an diesem Tag Geburtstag. Bob Ankerson weiß sehr genau, was es heißt, Kriegsgefangener zu sein. Im Januar 1991 war er es 40 Tage lang im Irak. „Auf diesem Gelände zu stehen ist für mich sehr bewegend. Ich ziehe den Hut in vor denen, die hier waren“, sagte er.

Die Briten waren übrigens einen Tag zuvor von Bürgermeister Dr. Stefan Kerth im Rathaus offiziell begrüßt worden, wobei dieser selbst aufs Motorrad stieg. Von Barth fuhr die Gruppe über Berlin unter anderem nach Żagań und Hrabuvka weiter.