/OZ/LOKAL/RIB vom 12.02.2011 00:00

Förderverein ergänzt Aufschrift an Barther Mahnmal

Zu DDR-Zeiten fand sich kein Hinweis auf das Ravensbrücker KZ-Außenlager an der Gedenkstätte.
Der Verzicht darauf wurde seinerzeit staatlicherseits angeordnet.

Barth (OZ) - Jegliche Hinweise auf Konzentrationslager (KZ), Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) oder Verfolgte des Naziregimes (VdN) seien unbedingt zu unterlassen. Allein ein dreieckiger roter Winkel als bleibendes Symbol der ehemaligen politischen Gefangenen solle gemäß der Gedenkstättenverordnung vom 26. Januar 1954 auf dem Mahnmal angebracht werden. Der Grund:

Sicherung der einheitlichen Gestaltung der Gedenkstätten.

So ein Schreiben vom 28. September 1955 des Rates des Kreises Ribnitz-Damgarten an die Stadt Barth. Und damit erschien auf dem Mahnmal für die Opfer des KZ-Außenlagers Barth nie ein Hinweis auf das KZ. „Warum? Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe. Mit dem Weglassen setzte man bewusst eine Informationslücke das Barther KZ betreffend. Wieso? Denn auch zu DDR-Zeiten wurden Zeitzeugen befragt und ihre Berichte dokumentiert“, sagt Helga Radau vom Förderverein der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth (DOK). Das Schreiben des Rates des Kreises befindet sich in den Archivunterlagen der DOK. Die Gedenkstättenverordnung hingegen konnte trotz langjähriger Recherche nicht aufgefunden werden. „Es ist merkwürdig, denn andere KZ-Gedenkstätten, wie Buchenwald oder Sachsenhausen, die bis Anfang der 50er-Jahre sogar noch sowjetische Speziallager waren, sind als KZ-Gedenkstätten auch stets so benannt worden. Nur Barth nicht“, sagt Helga Radau.

Sicherlich sei die Betrachtungsweise stark durch das ideologische System der DDR getragen worden. Aber warum dieser unterschiedliche Umgang damit? In Barth war im September 1955 das erste Mahnmal in der August-Bebel-Straße eingeweiht worden. Kurioserweise benutzte man dafür sogar den alten Sockel des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. „Wenn man es gesehen hat, hat man es nie mit KZ in Verbindung gebracht“, sagt Christiane Schuldt vom Förderverein der DOK. 1966 wurde dann das zweite Mahnmal an der Landesstraße nach Löbnitz eingeweiht. Erst war der Begriff KZ hier mit aufgeführt, dann verschwand er. Wieso? Radau und Schuldt können nur spekulieren. Durch die Initiative des Fördervereins ist KZ heute wieder am Mahnmal zu lesen. Einmal stand Radau mit zwei ehemaligen Häftlingsfrauen vor dem Mahnmal. Diese waren erstaunt und meinten, dass sich das KZ aber nicht an dieser Stelle befunden habe. „Die meisten Barther wissen nicht, wo es einst war. Mir war es auch lange nicht bekannt“, meint Helga Radau, die mit ihrem Mann gezielt einst losging, um das ehemalige Lagergelände zu finden. Sie sei erstaunt gewesen, wie nah es an der Landesstraße gelegen habe. Den Menschen können die Baracken nicht verborgen geblieben sein.

Die in der DDR-Zeit entstandenen Informationslücken, gerade auch in Bezug auf einzelne Häftlingsgruppen im KZ-Außenlager, wie die jüdischen Häftlinge, hatte Helga Radau in ihrem 1995 herausgegebenen Buch „Nichts ist vergessen und niemand“ versucht zu schließen. Ihre Veröffentlichung enthielt Auszüge aus Zeitzeugenberichten. Seit Jahren ist es vergriffen. Im Rahmen der Aktivitäten des Fördervereins der DOK sind seit 1998 viele neue Quellen über das KZ-Außenlager zusammengetragen worden. Durch neu geknüpfte Kontakte zu Überlebenden sowie zu Zeitzeugen aus Barth selbst kamen zahlreiche Erinnerungsberichte zusammen. Infolge der Öffnung ehemaliger Archive der Staatssicherheit wurde es möglich, die Prozessunterlagen von 1966 gegen die SS-Angehörigen des KZ-Außenlagers Barth einzusehen. „Was nützt das ganze Material, wenn es nur bei uns in der DOK-Stätte liegt? Es muss in die Öffentlichkeit, in die Auseinandersetzung. Zumal durch unsere Ausstellung das Interesse daran sehr gewachsen ist“, sagt Helga Radau. Viele fragten immer wieder nach, ob es ein Buch darüber gebe. Das liegt jetzt, initiiert durch den Förderverein der DOK, vor. Wobei die Anregung dazu einst mit von Regine Marquardt kam, ehemalige Leiterin der Landeszentrale für politische Bildung. Die Landeszentrale hat mit Sponsoren das Buchprojekt unterstützt. Geschrieben hat das neue Buch die freischaffende Rostocker Historikerin Natalja Jeske, die unter anderem für die Gedenkstätten Buchenwald, Bergen-Belsen und Sachsenhausen gearbeitet hat, vor allen Dingen was sowjetische Kriegsgefangene und Häftlinge anbelangt.

Helga Radau: „Das neue Buch stellt einen Versuch dar, die uns heute zur Verfügung stehenden Informationen über das KZ Barth erstmalig systematisch und wissenschaftlich fundiert zusammenzufassen.

Wobei die öffentliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Lagers seit 1945 Gegenstand der Untersuchung ist.“ Natalja Jeske geht der Frage nach, wie die politisch und ideologisch motivierten historischen Legenden über das KZ-Außenlager Barth zur DDR-Zeit entstanden sind, womit die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit vor Augen geführt werden soll. Historisches Wissen sei also stets aufs Neue kritisch zu hinterfragen. Das ist gerade für die junge Generation wesentlich. Dafür steht das Buch „Das KZ-Außenlager Barth Geschichte und Erinnerung“. Es bietet zugleich einen guten Ansatzpunkt für die Diskussion.

Claudia Haiplick

zum kompletten Artikel in der "Ostsee-Zeitung"