Wie Feinde zu Freunden wurden
In den 1940er-Jahren waren sie Gefangene im Barther Stalag Luft I, im hohen Alter kommen Amerikaner zurück in die Stadt ihres Leidens.
Barth. Als er auf die Reise nach Deutschland ging, habe er keine großen Erwartungen gehabt, sagt Jim Baynham. „Ich wusste nicht, was mich erwartet. Aber mit jedem Schritt ist es für mich zu einer beeindruckenden, sehr emotionalen Reise geworden. Es ist gut, dass ich jetzt hier bin“, so der Amerikaner, an seiner Seite vier seiner sechs Söhne.
Der
86-jährige Jim ist das erste Mal zurück in Deutschland, nachdem er im September
1944 mit seinem Bomber über Kassel abgeschossen wurde. „Ich landete
damals mit meinem Fallschirm auf einem Kartoffelacker. Mein Leben verdanke ich
einer jungen deutschen Frau, die sehr gut englisch sprach“, erinnert er
sich. Später habe er erfahren, dass sie erst 17 Jahre alt gewesen sei. Die Frau
hatte auf eine große Gruppe Deutscher vehement eingeredet, die den erst
20-jährigen Piloten töten wollte. Jim Baynham überlebte. Drei seiner
Crew-Mitglieder nicht.
Über der Region Bad Hersfeld war es zu einem Luftkampf gekommen. Er dauerte nur sechs Minuten. 25 US-Bomber und 29 deutsche Jagdflugzeuge wurden abgeschossen. Von 238 amerikanischen Besatzungsmitgliedern wurden 117 getötet, 121 gerieten in Gefangenschaft, viele von ihnen kamen ins Stalag Luft I nach Barth. So auch Baynham.
Auf seiner Reise jetzt, die ihn zunächst nach Kassel geführt hatte, fand er heraus, was mit seiner Crew und den anderen nach den Abschüssen passierte. Zwei Tage lang besuchte die 17-köpfige Reisegruppe die Absturzstellen der Bomber. Die Kassel Mission Historical Society – Verein zur Bewahrung der Geschichte des Bombereinsatzes über Kassel – errichtete ein Denkmal zu Ehren der in diesem Kampf gefallenen Amerikaner und Deutschen in Ludwigsau. „Auf dieser Reise habe ich gesehen, dass viele Deutschen daran arbeiten, dass etwas Derartiges nicht noch einmal passiert. Niemand ist mir mit Ressentiments begegnet. Ich meine, ich war schließlich einer der Bomberpiloten, die ihre Städte zerstörten und ihre Familien töteten“, sagt Jim Baynham.
Helga Radau von der Dokumentations- und Begegnungsstätte Barth, sie begleitete die Reisegruppe in Barth, war von seinen Schilderungen tief bewegt. „Jim, ich bin überaus glücklich, dass Du da bist und uns davon erzählst“, sagt sie. Auf der Reise mit dabei auch Joseph Reus und seine Frau Shirley. Schon einige Male war der 88-Jährige in Barth, wo er im Februar 1944 als Kriegsgefangener ins Stalag gekommen war. Jetzt wollte er es seinem Sohn Curt zeigen, der sich sehr für Geschichte interessiert.„Ich gebe niemandem irgendwelche Schuld. Ich habe deutsche Wurzeln. Ich hätte auch auf der anderen Seite stehen und gegen die USA kämpfen können. So viel ist vom Zufall abhängig“, meint er und sagt, dass für seine Frau Shirley Deutschland das schönste Land auf der Welt ist.
Die
Gruppe besuchte die Ausstellung „12
von 750 Jahren. Barth im Nationalsozialismus 1933-1945“.
Hier erzählen Mona English und ihre Schwester Mary MacGregor, dass es für ihren
Vater Malcolm MacGregor, der im Stalag saß, härter war, ein Kriegsgefangener zu
sein als abgeschossen zu werden. Der Verlust der Freiheit habe ihn sehr
getroffen. „Im Lager war man nie allein. Doch das Schlimmste überhaupt
war für ihn nach der Befreiung des Lagers der Anblick von drei erschossenen
Frauen mit einem toten Baby und einem Jungen, die offensichtlich aus Angst vor
den Russen Selbstmord verübt hatten. Dieses Bild hat er nie vergessen können“,
sagt Mona English, die fassungslos weint, als Helga Radau ihr Fotos von den
Erschossenen zeigt. Über einen Freund hat sie sie bekommen. „Immer
wieder werde ich danach gefragt. Das Schicksal der toten Frauen und ihrer Kinder
lässt die Menschen bis heute nicht los“, sagt Helga Radau. Auch Donald und
Juanita Jones gehören zur Reisegruppe. Sie sind zum ersten Mal in Barth.
Juanitas Onkel war ebenfalls einer der über Bad Hersfeld getöteten
Bomberpiloten. Sie ist auf Spurensuche. Ebenso Jennifer Kannapel, deren
Großvater im Stalag Luft I war. Erst mit seinem Tod vor einem Jahr hat sie davon
erfahren. In einem Journal hat er seine Erlebnisse festgehalten.
„Es ist wunderbar, dass jetzt die Feinde von einst zueinander finden und Freunde sind“, so Mona English, deren Vater in Kassel den deutschen Jagdflieger einst traf, der ihn damals abschoss. Auch sie wurden Freunde.
von CLAUDIA HAIPLICK